Wolf Otto Pfeiffer macht für die Dramaturgie das, was Kopernikus in der Astronomie getan hat." - Uli Trepte

De Revolutionibus Orbium Coelestium - Vom Sehen des Nicht-Sichtbaren

Filmemachen nach Kopernikus

 “Es ist hiermit eben so, als mit den ersten Gedanken des Kopernikus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen und dagegen die Sterne in Ruhe ließ.”
- Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft
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Was in aller Welt, mögen Sie sagen, soll ein mittelalterlicher Astronom mit dem Schreiben von Drehbüchern oder mit der Herstellung von Filmen zu tun haben?! Eine ganze Menge! Eine entscheidende Menge! Wie kaum ein zweiter ist Nikolaus Kopernikus ein Gewährsmann dafür, wie sehr der Augenschein uns trügt.
Schauen wir den Himmel an, so sehen wir, dass jeden Tag aufs Neue die Sonne über uns hinweg zieht. Sie geht am Morgen im Osten auf, mittags steht sie direkt über uns und am Abend versinkt sie im Westen hinter dem Horizont. Die Sonne verschwindet für ein paar Stunden, um dann am nächsten Morgen im Osten wieder zu erscheinen, über uns hinwegzuziehen und am Abend im Westen wieder unter zu gehen. Und so geht das in immer währender Abfolge, Tag für Tag.
Die Schlussfolgerung aus dieser einfachen Beobachtung kann nur lauten: die Sonne dreht sich um die Erde und mit den anderen Himmelskörpern verhält es sich genau so, denn sie betreffend machen wir die gleiche Beobachtung. Der Augenschein sagt uns: die Erde steht im Zentrum des Universums und alle Himmelskörper bewegen sich um sie herum.
Wir sind natürlich heute aufgeklärt genug, um zu wissen, dass nicht die Sonne sich um die Erde dreht, sondern umgekehrt die Erde sich um die Sonne. Wir haben diesbezüglich - Kopernikus sei Dank! - gelernt, vom Augenschein zu abstrahieren.
In der Dramaturgie sind wir leider noch nicht so weit! In der Dramaturgie verlassen wir uns - entgegen besserer Erfahrung - wieder auf den Augenschein. Wir glauben kindlicherweise, ein Film sei das, was wir sehen.
Doch das Entscheidende bei einem Film ist nicht das, was man SIEHT, sondern das, was man NICHT sieht. Was man nicht sieht, ist das geistige Gebäude, das wir als Zuschauer in uns errichten anlässlich der Teilnahme an dem Geschehen auf der Leinwand.
Bei diesem Gebäude handelt es sich um ein geistiges Bezugsystem. Und wie jedes System benötigt es einen Bezugspunkt, um überhaupt System sein zu können. Da es sich bei dem in Rede stehenden System um ein geistiges System handelt, muss auch der Bezugspunkt ein geistiger sein, ein Abstraktum also.
Eine Figur ist als Bezugspunkt für unsere Zwecke deshalb gänzlich ungeeignet, da Figuren niemals abstrakt sein können, sondern immer konkret sind. Auf dem Konzept der Figur als Zentrum des Erzählens beruht aber jede zur Zeit handelsübliche - nennen wir sie getrost "vorkopernikanische" - Filmdramaturgie.
Zwar sagt uns beim Betrachten eines Films der Augenschein, dass sich eine Geschichte um eine Figur dreht. Doch wir wissen ja bereits, was wir vom Augenschein zu halten haben! Tatsächlich muss im Mittelpunkt einer Sache, die sich im Zuschauer als geistiges Bezugssystem manifestieren soll, keine Figur, sondern ein zentraler Gedanke stehen, eine Idee im platonschen Sinn.
Und wie sich im Sonnensystem alles um den zentralen Himmelskörper dreht, so dreht sich im System einer Geschichte alles um diese Idee als die geistige Mitte der Angelegenheit. Die Idee ist die Sonne einer Geschichte. Ihre Strahlkraft steht im Zentrum des erzählerischen Universums. Sie ist die Quelle, von der aus alles ihr Licht erhält, von der aus alles beleuchtet wird und um die herum sich alles bewegt.
Dieser dramaturgische Ausgangspunkt hat freilich erhebliche Folgen für die Erstellung eines Drehbuchs oder die Herstellung eines Films.
Wenn Sie mehr dazu wissen möchten, sprechen Sie mit mir!